Jorma Mikkonen: Verwurzelt in der finnischen Gesellschaft
Jorma Mikkonen hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die Gesellschaft mithilfe der Kreislaufwirtschaft nachhaltig zu verändern. Dieser Aufgabe hat sich Jorma auf vielfältige Weise in Führungspositionen in den Bereichen Geschäftsbetrieb, Öffentlichkeitsarbeit, Nachhaltigkeit sowie Kommunikation und Markenführung gewidmet.
Die Geschichte von Lassila & Tikanoja ist abwechslungsreich. Das Unternehmen hat sich vom Großhändler über die Bekleidungsindustrie und eine Phase als Mischkonzern zu seiner heutigen Rolle entwickelt. Es hat die Industrialisierung, den Krieg und den Wiederaufbau, den Zusammenbruch des Handels mit Russland sowie die Globalisierung durchlebt. L&T ist seit 115 Jahren ein zentraler Akteur in der finnischen Gesellschaft.
Infolge der großen gesellschaftlichen Umwälzungen dieser Zeit haben sich das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Unternehmen sowie die Rollenverteilung ständig gewandelt. Der Kampf zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen System endete mit einem Kompromiss, und so entstand das nordische Modell der Wohlfahrtsgesellschaft. Der öffentliche Sektor übernahm viele Aufgaben, und die gesellschaftliche Rolle der Unternehmen blieb gering. Die Unternehmen konzentrierten sich auf die Maximierung des Eigentümerwerts und strebten durch die Globalisierung nach Skaleneffekten auf den sich internationalisierenden Märkten.
Ich bin seit Anfang der 1990er Jahre, also seit fast 30 Jahren, an der Entwicklung von Lassila & Tikanoja beteiligt. Die Sorge um den Klimawandel und die Herausforderungen hinsichtlich der Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums standen während dieser ganzen Zeit auf der offiziellen Agenda und werden dort bis zum Ende meiner beruflichen Laufbahn bleiben. Staaten und das politische System haben es nicht geschafft, wirksame Lösungen zur Eindämmung des Klimawandels zu finden.
Der öffentliche Sektor ist mit zu vielen Aufgaben überlastet, und sein Kernauftrag ist unklar geworden. Für große gesellschaftliche Herausforderungen wie die Alterung der Bevölkerung, die Urbanisierung, die Zunahme von Ausgrenzung und Ungleichheit sowie die Flüchtlingskrise werden neue Lösungen gesucht. Die sich häufenden Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit haben den Boden für eine wachsende gesellschaftliche Rolle der Unternehmen bereitet. Das Vertrauen in das politische System ist erschüttert, und die Bürger erwarten von den Unternehmen eine stärkere Rolle bei der Bewältigung gesellschaftlicher Herausforderungen.
Der Aufstieg von L&T zu einem führenden Akteur im Bereich der Kreislaufwirtschaft erfolgte mosaikartig durch zahlreiche Unternehmensübernahmen. Zu Beginn der 2010er Jahre erbrachten wir weitgehend dieselben Dienstleistungen wie heute. Das Unternehmen hatte keine starke Mission oder Identität, sondern war eher ein gesichtsloser Anbieter von Support-Dienstleistungen. Ausgehend von diesen Voraussetzungen begannen wir 2012 mit der Neugestaltung der Marke L&T.
Die Mission, die Welt zu verbessern, rückte gesellschaftliche Themen in den Mittelpunkt des Unternehmens
Inmitten wachsender Herausforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit leisteten die Mitarbeiter von L&T an sich wichtige und nachhaltige Arbeit. Es gab also keinen Grund für eine Identitätskrise. Man wusste nur nicht, wie man die Bedeutung der Arbeit richtig hervorheben sollte. Als wir uns dann die Mission auferlegten, die Konsumgesellschaft in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft umzuwandeln, war der Kontrast zur alten Situation enorm. Die neue Mission erforderte von uns eine deutlich aktivere Rolle in der gesellschaftlichen Debatte und bei der Entwicklung neuer Dienstleistungslösungen.
Mit unserer neuen Mission gewann auch das Thema Nachhaltigkeit an Bedeutung. Voller Neugier schlossen wir uns Nachhaltigkeitsnetzwerken an, um zu erfahren, wie größere Unternehmen ihre Nachhaltigkeitsarbeit weiterentwickelten. Wir sind nun schon fast zehn Jahre auf diesem Weg und haben den starken Wunsch, uns weiterzuentwickeln und unsere Arbeitsweise zu erneuern. Wir haben enorm viel über die neuen dreistelligen Nachhaltigkeitsstandards gelernt, die an sich den guten Zweck haben, die Unternehmensaktivitäten in die richtige Richtung zu lenken. Gleichzeitig binden sie jedoch die Ressourcen des Unternehmens in umfangreiche Berichterstattungen.
In den Netzwerken für Unternehmensverantwortung wurde darüber diskutiert, dass Unternehmensverantwortung etwas Tiefgreifenderes ist als bloßes Reputationsmanagement. Das haben wir zu keinem Zeitpunkt wirklich verstanden. Unser Ansatz sowohl beim Markenaufbau als auch bei der Nachhaltigkeitsarbeit war immer, dass es unsere Aufgabe ist, unseren Kunden zu einer nachhaltigen Entwicklung zu verhelfen. Unsere Lösungen fördern die Nachhaltigkeit unserer Kunden, und deshalb ist all dies automatisch sehr strategisch.
Nur durch die Steigerung des Stakeholder-Werts lässt sich Eigentümerwert schaffen
Die Mitarbeiter von T-Media haben uns gelehrt, dass Emotionen das Verhalten steuern. Dies ist für unsere eigene Entwicklung vielleicht die wertvollste Erkenntnis. Wir haben umfassende Stakeholder-Analysen durchgeführt, aus denen wir wertvolle Erkenntnisse darüber gewonnen haben, in welche Richtung die Strategie und die Aktivitäten des Unternehmens weiterentwickelt werden müssen. Die Stakeholder erwarten von Unternehmen Lösungen für große gesellschaftliche Herausforderungen wie Klimawandel, Flüchtlingskrise, Ausgrenzung und Ungleichheit. Die wachsenden Erwartungen der Stakeholder lenken unsere Entscheidungen und stärken unsere gesellschaftliche Rolle.
Die Botschaft der Interessengruppen ist klar: Wir sind auf dem richtigen Weg. Von uns werden mutige Initiativen und Innovationen, ein offener Austausch sowie eine faire und gerechte Personalpolitik erwartet – und vor allem Lösungen für drängende gesellschaftliche Herausforderungen. So entwickelt sich ein Dienstleistungsunternehmen zu einem Garant für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft oder sogar zu einer treibenden Kraft, die die Gesellschaft voranbringt. Megatrends sind die im Hintergrund wirkenden Kräfte, aber die Erwartungen der Stakeholder entwickeln sich in Echtzeit. Zum Beispiel wird gerade jetzt, während der Corona-Pandemie, die Bedeutung der Hygienesicherheit besonders deutlich, und diese Bedeutung wird vielleicht dauerhaft bestehen bleiben. Wir entwickeln Lösungen, die die Funktionsfähigkeit unserer Kunden, unserer Mitarbeiter und damit der gesamten Gesellschaft sichern.
Im Herbst 2019 hat L&T erstmals Nachhaltigkeitsziele neben den wirtschaftlichen Zielen in seine langfristigen strategischen Ziele aufgenommen. Dies beinhaltet die Idee, dass wir, um erfolgreich zu sein, in der Lage sein müssen, Wert für unsere Kunden, unsere Mitarbeiter und die Gesellschaft zu schaffen. Wenn uns dies gelingt, steigt auch der Unternehmenswert. Die Steigerung des Unternehmenswerts hat sich vom Ausgangspunkt unserer Tätigkeit zu einer Folgeerscheinung gewandelt.
Emotionen beeinflussen das Verhalten der Stakeholder. Der Ruf steht in engem Zusammenhang mit der Unterstützung durch die Stakeholder. Das Reputationsmanagement ist daher eine äußerst strategische Aufgabe.
Riku Ruokolahti hat ein Handbuch über den Ruf von Unternehmen und dessen Management verfasst. Der hier veröffentlichte Beitrag von Jorma Mikkonen, „Wurzeln in der finnischen Gesellschaft“, ist im dritten Teil des Handbuchs zu finden: Praktische Erfahrungen von Führungskräften.
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